Bauchtanzklischees

Diese Kollage zeigt, wie das Bild, das sich der Westen von einer Tänzerin machte, entstanden ist und teilweise immer noch in unseren Köpfen rumgeistert. Die dargestellten Frauen fand ich in alten Illustrierten, Postkarten, Programmheften von Varietes, aus der Zeit zwischen 1900 bis 1935. Bauchtanz wurde teilweise zu Recht mit Striptease und Prostitution in Verbindung gebracht. Vervollständigt wurden diese Bilder durch Hollywood-Filme, die Tänzerinnen als willige verführerische Haremsdamen vorführten. Die neue Bauchtanzwelle, bei uns seit ca. Mitte siebziger Jahre, ist bemüht, den Tanz als Kunstform darzustellen. Wer sich mehr mit dem westlichen Orientklischee beschäftigen möchte, empfehle ich die Bücher von Fatima Mernissi: «Harem» und «Der Harem in uns».

Bild und Text: Marlies Kataya

Ost - West

Die islamische Kultur verhüllt die Frau, die christliche Kultur zieht sie aus. Beide scheinen ein Problem mit dem weiblichen Geschlecht zu haben.

Collage und Text: Marlies Kataya


Der Körper

Mein Körper begleitet mich von Geburt bis zum Tod. Durch ihn lebe ich auf der Erde. Mit meinem Körper kann ich empfinden, wahrnehmen, spüren und handeln.

Der Stellenwert des Körpers ist nicht in jeder Kultur gleich. Das Körperbild der alten Griechen war sicher ein anderes, als das der Eskimos. Die gesellschaftlichen Werte beeinflussen unsere Körperwahrnehmung.

Wie kommt es, dass wir uns von unserem Körper und gleichermassen von der Natur so entfremdet haben? Dieser Körper scheint uns Angst einflössen, mit all seinen Funktionen, Instinkten, Krankheiten, Verfall und Sexualität. Für das Christentum ist das Fleisch sündig, nur der Geist rein. Sexuelles Begehren bei Frauen wurde lange Zeit verfolgt und verdammt. Der Körper hatte nur vom Hals aufwärts zu existieren. Kein Wunder, sind unsere Tänze ohne Beckenbewegungen, der Leib wird steifgehalten. Das spiegelt auch das Ballett wieder. Das Körperliche, Sexuelle soll überwunden werden, der Körper schwerelos wirken.

Den Körper von aussen betrachten

Wir haben uns angewöhnt, den Körper von aussen zu betrachten. Frauen haben sich das besonders verinnerlicht. Die abendländische Kultur ist davon durchdrungen, dass der Körper der Frau zur Schau gestellt wird. Frauen werden gerne passiv, schön abgebildet, oft im privaten Raum und immer den männlichen Betrachter im Hintergrund suggerierend. Früher erfüllte die Malerei diese Aufgabe, sehr deutlich zu sehen bei den Orientalisten. Heute ist es die Werbung. Welche Frau kennt nicht das unangenehme Gefühl, von Männerblicken ausgezogen zu werden. Wir Frauen haben das Angeschautwerden so verinnerlicht, dass wir es kaum noch wahrnehmen und lassen unser eigenes Selbstwertgefühl darüber laufen. Wie Gabriele Klein in ihrem Buch «FrauenKörperTanz» beschreibt, hat die Zurschaustellung des weiblichen Körpers schon im antiken Griechenland begonnen. Kultische Tänze wandelten sich im Patriarchat zu Schautänzen von Tänzerinnen, ausgeführt, zum Zwecke männlichen Vergnügens. Es fand bereits diese Spaltung statt, auf der einen Seite die ehrbare, sittsame Frau, auf der anderen Seite die verruchte, erotische Frau.

Schönheitskult

Das Aneignen einer, der heutigen Zeit angepassten äusseren Form, wird zum Lebensinhalt. Frauen verbrauchen unheimlich viel Energie und Zeit und Geld, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Sie cremen, salben, massieren, bürsten, schminken und schmücken ihren Körper. Dass das erotische Empfinden der Frauen stark über die Haut abläuft, hat auch die Kosmetikindustrie erkannt. Was uns da aus all den Magazinen perfekt entgegen lächelt, ist ausgeleuchtet, zugeschminkt, retouchiert, operiert oder einfach 30 Jahre jünger. Wir leben längst nicht mehr in einer realen Welt, sondern möchten so sein wie unsere Heldinnen im TV und Magazinen. Wir klonen uns selber zu faltenlosen und ewig jungen Barbies und Kens und betrügen ständig unseren Körper.

Das nie erreichbare Ziel, die Idealfigur, setzt den Körper und das Denken unter Dauerstress, nie richtig zu sein. Wir lassen unserm Körper keine Ruhe. Ständig wird er kontrolliert. Mich erinnert all die Schinderei in den Fitnesszentren an mittelalterliche Kasteiung des Körpers.

Es ist ja nichts Falsches dabei, sich mit seinem Körper auf eine sinnliche Weise zu beschäftigen. Doch müssen Frauen aufpassen, nicht nur auf die eigene Körperlichkeit beschränkt zu bleiben. Sonst sind wir wieder in der Ecke, wo wir ständig durch Werbung hineinmanipuliert werden, dem unvollkommenen weiblichen Körper, dem nachgeholfen werden muss. Die Falle ist aber doppelt, sobald wir uns der Schönheit widmen, sind wir dumme Weibchen vor dem Spiegel, zu keiner intelligenten Handlung fähig. Fatima Mernissi weisst in ihrem Buch «Harem» darauf hin, dass westliche Männer sich gerne schöne, aber dumme Frauen vorstellen, passiv auf den Mann wartend, siehe all die Orientalisten und ihre Haremsdamen.

Der Körper im altorientalischen Sinn, wird eher an seiner Wirkung und Aussage einzelner Körperteile wahrgenommen. Die äussere Form ist nicht so wichtig. Augen sind tief und klar, wie ein Brunnen, das Gesicht ist rund wie der Vollmond. Die Kraft, welche den Körperteilen innewohnt, ist das wichtige Element. So wird etwa eine Frau als Gazelle, beschrieben. Damit ist nicht gemeint, dass sie so aussieht wie eine Gazelle sondern sie verkörpert deren Leichtfüssigkeit und Anmut in der Bewegung. Diese eher symbolische Betrachtungsweise spiegelt sich auch in der arabischen Sprache wieder, die uns oft als blumig und kitschig erscheint.

Wirklich in den Körper hineinzuspüren, macht vielen Menschen Angst. Angst vor Gefühlen und Schmerzen, die aufkommen könnten. Angst auch vor Konsequenzen, das eigene Leben ändern zu müssen. Der Körper reagiert auf seine Weise auf Nichtbeachtung, indem er sich muskulär und in den Organen verspannt, steif und unbeweglich wird. So entstehen im Laufe der Jahre Haltungsmuster. Gewissermassen bestimmt unser Denken und Handeln unsere Körperformen.

Heute gibt es unzählige Körpertherapien und Massagen zur Entspannung und besserer Beweglichkeit und Haltung. Wirklich dauerhaften Erfolg können sie aber auch nur dann erbringen, wenn der Umgang mit dem eigenen Körper im Alltag verändert wird.

Da die Signale des Körpers unterdrückt werden, spüren viele Menschen ihren Körper nicht mehr. Darum auch das Aufkommen von Extremsportarten. An der Grenze der möglichen körperlichen Anstrengung oder in Todesnähe schwebend, wird der Körper erst wieder wahrgenommen, mit einem tüchtigen Schub Adrenalin.

Wir leben in einer Zeit, wo Organe ausgewechselt werden können, ja vielleicht sogar Tiere als Organspender gezüchtet werden. Wir erschaffen uns die Möglichkeit, unsere Körper, Tier- und Pflanzenwelt genetisch zu verändern. Das löst ein grosses Unbehagen in Bezug auf die Zukunft aus. Was ist mein Körper, wem gehört er. Wie werden zukünftige Generationen aussehen. Gibt es den Supermenschen. In den Medien tauchen Schlagzeilen auf wie: «le dernier cry du body», (der letzte Schrei des Körpers), die Eroberung des Körpers, das Verschwinden des Körpers, die Zukunft der Körper. Der Körper wird im Sprachgebrauch als Maschine betrachtet, die funktionieren muss. Wir verwenden Begriffe wie: die Batterie aufladen, auftanken, abschalten, Problemzonen.

Künstler haben sich schon immer mit dem Körper beschäftigt. Orlan, eine französiche Künstlerin, lässt sich ihr Gesicht solange chirurgisch verändern, bis es ihren Idealvorstellungen entspricht, die allerdings nichts mit dem gewöhnlichen Schönheitsideal zu tun haben und stösst auf grosse Ablehnung. Scheinbar ist es eher akzeptiert, seinen Körper um der Schönheit willen unters Messer zu legen, als aus künstlerischen Gründen. Andere Künstler gehen in ihren Performences bis an die Schmerzgrenze ihres Körpers. Stelarc, ein australischer Künstler, lässt sich an Fleischerhacken aufhängen, um dann in 70 Metern Höhe zu baumeln, so will er die Grenzen seines Bewusstseins erweitern. Um eine andere Erfahrung des Körpers geht es ihm, wenn er sich eine dritte Hand montiert, den Leib verkabelt und sich so computergesteuert bewegen lässt. Bewegungen, ganz ohne Wunsch und Erinnerung möchte er erleben. Das erinnert an eine östliche Meditationstechnik, die davon ausgeht, den Körper einfach sich bewegen zu lassen, ohne Eingreifen des Denkens.

Kinder nehmen ihren Körper nicht bewusst wahr, deshalb sind sie im Ausdruck spontan und ohne gesellschaftliche Schranken. Als erwachsener Mensch muss ich meinen Körper, die Gesten und auch die Körpergeräusche der jeweiligen Kultur angepasst kontrollieren. Das führt dazu, dass ich viele spontane Äusserungen, die der Körper machen möchte, überhaupt nicht mehr direkt wahrnehme oder der Körper die Signale nicht mehr aussendet. Gestik, Mimik und Geräusche machen Gefühle bewusster, verstärken sie. Unsere körperliche Betätigung im Alltag besteht für die meisten nur noch in: Sitzen, Stehen, Liegen und Gehen. Wir haben verinnerlicht, unsere Gefühlsregungen nicht in Form von Bewegung zu zeigen. Und diese Steifheit nennen wir dann Zivilisation. Trauer auszudrücken durch Kleider vom Leib reissen, Haare raufen und Asche aufs Haupt zu streuen, wie auf alten pharaonischen Darstellungen zu sehen ist, wirkt auf uns sehr fremd.

Schnelle Beckenbewegungen sind ursprünglich mit Freude verbunden. Zu beobachten bei Hunden, die mit dem Schwanz wedeln und das Becken seitlich bewegen. Auch ein kleines Mädchen ist mir einmal aufgefallen, das vor Freude mit dem Becken wackelte. Bei Erwachsenen habe ich noch nie gesehen, dass vor Freude mit dem Becken gewackelt wird. Dafür scheint sogar jedes Gefühl abhanden gekommen zu sein, wie ich in meinen Bauchtanzklassen beobachten kann. Wir haben gelernt, das Becken still zu halten und ja keine sexuelle Erregung nach aussen zu zeigen. So ist auch die Erregung verschwunden und unsere Beckenbewegungen im Bauchtanz sehen vielfach einfach wie Gymnastik aus. An erster Stelle steht meistens «das richtig machen wollen» und nicht das genussvolle Erleben der eigenen Energie. Beckenbewegungen sind oft mit Angst verbunden, Erinnerungen an verdrängte sexuelle Erlebnisse können hochkommen.

Ganz allgemein gesehen bringen wir Freude nicht mehr in Zusammenhang mit Bewegung. Wieder haben mir Kinder geholfen, das zu erkennen. Kleinkinder fangen an zu quietschen vor Freude im Schwimmbassin, wenn sie herumtollen können. Ich habe es ausprobiert und siehe da, kleine Freudenschauer sind durch meine Wirbelsäule geflossen, wenn ich im Wasser spritze und springe.

Bild und Text: Marlies Kataya